Presseverlage zwischen publizistischer Vielfalt und KI-getriebener Informationsökonomie
Mit rund 6.600 Titeln ist die deutsche Zeitschriftenbranche ein Beleg für eine einzigartige publizistische Vielfalt. Die aktuellen Branchendaten 2025/26 des Medienverbands der freien Presse (MVFP) weisen insgesamt 6.591 Zeitschriftentitel aus. Dazu zählen 1.080 Publikumszeitschriften, 5.420 Fachzeitschriften und 91 konfessionelle Titel. Die Zahlen unterstreichen die thematische und publizistische Breite der Branche sowie ihre Relevanz für unterschiedliche gesellschaftliche, berufliche und private Informationsbedürfnisse – gerade in einer KI-getriebenen Informationsökonomie.
Leserinnen und Leser sind die starke Basis der Zeitschriftenbranche
Zeitschriften sind für einen großen Teil der Bevölkerung ein fester Bestandteil des privaten und beruflichen Alltags. So lesen 77 Prozent aller Deutschen ab 14 Jahren regelmäßig Zeitschriften. Die Print- und Digitalangebote der Zeitschriftenverlage erreichen mit jeder Ausgabe rund 4,5 Millionen Leserinnen und Leser (B4P 2025-2). Zugleich hat die Nutzung digitaler Informations- und Unterhaltungsangebote in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen: So hat sich die E-Paper-Nutzung laut IVW seit 2019 auf mehr als 70 Millionen Exemplare mehr als verdoppelt. Auch der digitale Konsum der Fachzeitschriften hat sich mit rund 7,6 Millionen E-Paper auf hohem Niveau etabliert.
Wirtschaftlich bleiben Zeitschriften und Magazine für große Teile des deutschen Einzelhandels ein relevanter Faktor. Laut den aktuellen Branchendaten werden rund die Hälfte (48,9 Prozent) der jährlich verkauften Publikumsmedien über den Einzelverkauf am Kiosk, in den Filialen des Lebensmitteleinzelhandels sowie an Bahnhöfen und Flughäfen abgesetzt. Weitere 40,7 Prozent entfallen auf Abonnements, 10,4 Prozent auf sonstige Verkäufe, Bordexemplare und Lesezirkel. Fachzeitschriften sind dagegen nahezu reine Abo-Titel: Ihr Abonnementanteil liegt bei 87,4 Prozent.
Insgesamt erwirtschaften die Publikumszeitschriften rund 2,2 Mrd. Euro Umsatz mit 810 Mio. verkauften Print-Exemplaren im Einzelverkauf und im Abonnement. Die Paid-Content-Erlöse stiegen erneut und erreichten mit rund 498 Mio. Euro abermals einen neuen Bestwert. Auch die Fachzeitschriften legten im digitalen Vertriebsgeschäft deutlich zu und erzielten rund 2,48 Mrd. Euro Vertriebsumsatz. Diese Entwicklung verdeutlicht die mittlerweile hohe Akzeptanz von Bezahl-Inhalten im digitalen Raum – insbesondere bei der professionellen Informationsnutzung.
Podcasts und Social Media mit starker Bindung an Zeitschriftenmarken
Die Podcasts der Verlagsmarken halten im Audio-Bereich ihre führende Position. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der im vierten Quartal 2025 veröffentlichten neuen Podcast-Episoden stammen aus den Redaktionen der Verlagshäuser. In den sozialen Netzwerken zeigt die Zeitschriftenpresse mit ihren Medienmarken auch bei jüngeren Zielgruppen ihre Attraktivität. Auf den community- und nachrichtengetriebenen Plattformen X und Facebook verzeichnen Medienmarken besonders hohe Follower-Zahlen. Im Schnitt erreichen die Accounts rund 664.000 Follower pro Kanal und bieten damit einen wichtigen, dialoggetriebenen Medienkanal für mehr Reichweite und Markenbindung.
Neue Herausforderungen durch KI-gestützte Informationsökonomie
Gleichzeitig zeigen die aktuellen Branchendaten, dass sich die Rahmenbedingungen für journalistische Angebote im digitalen Raum weiter verändern. Insbesondere KI-gestützte Substitute von Medieninhalten verändern die Reichweitenlogik im Netz. Nach einer aktuellen Studie des Reuters Institute sind die Weiterleitungen auf Publisher-Websites durch KI-Angebote in der Google-Suche im Durchschnitt um fast ein Fünftel zurückgegangen. Unterdessen erzeugen KI-Plattformen bislang nur in begrenztem Umfang Traffic für Verlags-Websites.
Die vom Reuters Institute befragten Verleger in Europa rechnen daher mit Traffic-Rückgängen von bis zu 43 Prozent durch AI Overviews und so genannte Zero-Click-Suchen. Entsprechend zurückhaltend fallen auch die Erwartungen an künftige Einnahmen durch KI-Plattformen aus.
Innerhalb der Häuser gewinnt KI zugleich als Arbeitsinstrument an Bedeutung. Laut KPMG-Studie „Verlagstrends 2025“ nutzt bereits mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden KI bei der Erstellung und Bearbeitung von Texten sowie bei Recherche und Themenauswahl. Weit über ein Drittel setzt künstliche Intelligenz bei der Erstellung und Bearbeitung von Bildern und Videos ein. Für ähnlich viele ist sie zudem ein hilfreicher Sparringspartner.
Medienpolitische Rahmenbedingungen bleiben ein zentrales Thema
Medienpolitisch bleiben die Rahmenbedingungen für die Zeitschriftenbranche anspruchsvoll. Das zeigte auch die MVFP-Trendumfrage 2025, die rund zwei Drittel des Branchenumsatzes repräsentiert: 89 Prozent der befragten Verlage sehen im KI-Einsatz von Suchmaschinen für eigene Antworten anstelle von Verlagsverweisen ein erhebliches Risiko für Reichweite und Monetarisierung. 98 Prozent fordern einen wirksamen Schutz journalistischer Inhalte, um eine ungenehmigte Verwertung durch konkurrierende KI-Angebote zu verhindern. Im Zentrum stehen weiterhin faire Wettbewerbsbedingungen im Plattforminternet, der Schutz verlegerischer Inhalte gegenüber KI-basierten Angeboten sowie die Regulierung des Telefonmarketings. Die Branche sieht erhebliche Risiken für ihr Digitalgeschäft durch die weitere Monopolisierung wirtschafts- und werberelevanter Datenverarbeitung durch große Plattformen und fordert diskriminierungsfreie Bedingungen bei Nutzung, Vergütung und Verbreitung presseverlegerischer Inhalte auf digitalen Plattformen.










