Ihr direkter
Weg zu uns.

Navigation
#MVFP2026, MedienforumDerFreienPresse, KI, Journalismus

Journalismus und KI: Zwischen Algorithmus und Verantwortung

Medienkongress der freien Presse Print & Digital Medienpolitik

Radikale Automatisierung oder kreativer Akt? Beim Medienforum der freien Presse diskutierten Expertinnen und Experten über die Möglichkeiten und Grenzen von KI im Journalismus und die Rolle der freien Presse als Vertrauensanker.

Forum „Journalismus“ beim Medienforum der freien Presse (Foto: Markus Nass)
Olaf Gersemann (Foto: Markus Nass)
Franziska Reich (Foto: Markus Nass)
Jochen Wegner (Foto: Markus Nass)
Prof. Dr. Wiebke Loosen (Foto: Markus Nass)
Dr. Bernward Loheide (Foto: Markus Nass)
Von links: Franziska Reich, Olaf Gersemann, Prof. Dr. Wiebke Loosen, Dr. Bernward Loheide, Jochen Wegner

Wie können Redaktionen im KI-Zeitalter die Technologie als Werkzeug nutzen, ohne ihre Glaubwürdigkeit und den direkten Draht zu den Leserinnen und Lesern zu verlieren? Diese Frage rührt an die Grundfesten des journalistischen Selbstverständnisses. Auf dem Podium des Medienforums der freien Presse in Berlin trafen unterschiedliche Ansichten aufeinander, die eines eint: Die Suche nach dem richtigen Umgang mit einer Technologie, die das Handwerk ebenso bereichert wie gefährdet kann. Moderatorin Astrid Frohloff diskutierte dazu mit Olaf Gersemann, stellvertretender Chefredakteur KI bei WELT, Axel Springer, Dr. Bernward Loheide, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), Prof. Dr. Wiebke Loosen, Senior Researcher am Leibniz-Institut für Medienforschung, Franziska Reich, FOCUS-Chefredakteurin bei Hubert Burda Media sowie Jochen Wegner, Chefredakteur DIE ZEIT. 

Für Olaf Gersemann verschiebt sich die „rote Linie“ kontinuierlich mit dem technischen Fortschritt. Axel Springer will führender Anbieter von KI-basiertem Journalismus sein und verfolgt einen entsprechend offensiven Kurs. Während bei Newslettern oft noch der Mensch die Endkontrolle behält, laufen die stündlichen „Audionews“ in der WELT-App bereits vollautomatisiert. Die KI sei mittlerweile so präzise steuerbar, dass Halluzinationen kaum noch eine Rolle spielten, so Gersemann. Gleichzeitig sieht er ein verändertes Nutzungsverhalten: „Wir gehen davon aus, dass die Nutzenden ein Verständnis dafür haben, dass es hier um Produkte geht, die sie ohne KI niemals hätten bekommen können.“ 

Die menschliche Identität des Journalismus 
Ein gänzlich anderes Bild zeichnete Jochen Wegner. Für sein Medienhaus gilt die interne Leitlinie, dass alles, was unter der Marke ZEIT publiziert wird, nicht primär von einer Maschine stammen darf. Den „schöpferischen Akt“ an eine KI zu delegieren, sieht Wegner als langfristige Gefahr für die Glaubwürdigkeit. Zwar kommen auch bei der ZEIT KI-Tools zum Einsatz – etwa für die Übersetzung von Podcasts mit geklonten Stimmen. Doch das Denken, das Kreativsein und den Akt des Schreibens sieht Wegner als eine „zutiefst menschliche“ Aufgabe an. Ein Delegieren dieser Kernaufgaben an eine Maschine hält er für langfristig schädlich für den Berufsstand. Auch Franziska Reich betonte, dass Journalismus mehr sei als die bloße Aufbereitung von Informationen nach Wahrscheinlichkeiten. Es gehe darum, „Risse in Darstellungen“ zu erkennen und die richtigen Fragen zu stellen – eine Fähigkeit, die KI (noch) nicht besitze. In einer Zeit, in der laut dem Reuters Institute Digital News Report über 50 Prozent der Deutschen Unbehagen bei KI-generierten Nachrichten empfinden, sieht die FOCUS-Chefredakteurin die Chance der Medienmarken darin, als Vertrauensanker zu fungieren.

Dr. Bernward Loheide von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) mahnte zudem die ethische Dimension an. Eine Maschine könne niemals ein „Gewissen“ oder ein „Herz“ entwickeln. Er forderte eine klare Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte, um Transparenz gegenüber dem Nutzer zu schaffen – eine Forderung, der Olaf Gersemann widersprach: Der Markt würde Fehler durch Vertrauensverlust ohnehin selbst sanktionieren. 

Entkopplung von Vertrauen und Nutzung
Prof. Dr. Wiebke Loosen vom Leibniz-Institut für Medienforschung lieferte auf dem Panel eine wissenschaftliche Einordnung der aktuellen Branchenentwicklung. Sie beschrieb die Situation der Verlage als einen Balanceakt zwischen technologischer Anpassung und dem Erhalt der eigenen Daseinsberechtigung. „Journalismus versucht gerade, sich für die Maschine lesbar zu machen – und gleichzeitig kämpft er darum, nicht ersetzbar zu sein.“

Ergänzend zu diesem „Paradoxon der Ersetzbarkeit“ wies sie auf eine Entkopplung von Vertrauen und Nutzung hin. Während Menschen klassischen Medienmarken oft mehr vertrauten als KI-generierten Inhalten oder News-Creatoren in sozialen Medien, nutzen sie letztere dennoch intensiv. Dieses „Nutzungsvertrauensparadox“ mache es für Medienorganisationen schwierig, das Vertrauensproblem allein durch „richtiges Handeln“ oder Transparenz zu lösen. 

Was der journalistische Nachwuchs jetzt lernen muss
In der Schlussrunde fragte Moderatorin Astrid Frohloff nach einer Einschätzung für die Journalistinnen und Journalisten von morgen: Was sollte sie oder er jetzt lernen, um in fünf Jahren noch unverzichtbar zu sein? Und was nicht, weil KI es künftig schneller, günstiger oder besser kann? Jochen Wegner riet dazu, vor allem das „Lernen des Lernens und die eigene Anpassungsfähigkeit zu kultivieren, während er gleichzeitig eindringlich davor warnte, das Denken durch ein zu starkes „kognitives Offloading“ vollständig an die Maschine abzugeben. Olaf Gersemann ergänzte diesen Rat um eine praktische Komponente und empfahl, sich mit Coding zu beschäftigen, da die Demokratisierung der Informatik es heute jedem erlaube, eigene Workflows und Automatisierungen ohne fremde Hilfe zu bauen. Franziska Reich betonte, dass der Erfolg im Journalismus auch künftig von Leidenschaft und dem sprichwörtlichen „Biss“ abhänge, den keine Technik ersetzen könne. Prof. Wiebke Loosen plädierte für eine „aufgeschlossen kritische KI-Kompetenz“, die sowohl die eigenen Arbeitsweisen als auch die Berichterstattung über das gesellschaftliche Phänomen KI umfassen sollte. Den abschließenden Impuls setzte Dr. Bernward Loheide mit dem Appell, bei aller Offenheit für neue technische Möglichkeiten niemals das Vertrauen in die eigene Person und die Bedeutung zwischenmenschlicher Kontakte zu verlieren, da menschliche Verantwortung und Vertrauen letztlich der entscheidende „Kleber“ des Berufsstandes darstellen. 

 

Impressionen von Medienforum der freien Presse 2026

Druckansicht Seite weiterempfehlen