Ihr direkter
Weg zu uns.

Navigation
GEP, EvangelischeKirche, KonfessionellePresse, MVFPimpuls

„Verantwortung, Urteilskraft und Gewissen lassen sich nicht automatisieren“

Print & Digital Künstliche Intelligenz MVFP impuls

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst erläutert im exklusiven Interview mit MVFP impuls, warum konfessionelle Medien auch in einer säkularen Gesellschaft relevant bleiben, welche Rolle die Ökumenischen Medientage spielen und weshalb Medienvielfalt, digitale Präsenz sowie ethische Leitlinien für den Umgang mit KI zu den zentralen Zukunftsfragen gehören.

Dorothee Wüst (Foto: Melanie Hubach)

MVFP impuls | Als Kirchenpräsidentin und Aufsichtsratsvorsitzende des GEP sind Sie gewissermaßen die „Medienbischöfin“ der evangelischen Kirche. Welche Bedeutung haben die Ökumenischen Medientage für Sie in dieser Rolle, und welche Impulse erhoffen Sie sich vom Austausch zwischen Kirchen und Verlagen?
Dorothee Wüst | Die Bezeichnung „Medienbischöfin“ sehe ich mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich aber gehört die Frage, wie Kirche kommuniziert und wie sie in gesellschaftlichen Debatten präsent ist, heute zu den zentralen Zukunftsfragen. Die Ökumenischen Medientage sind deshalb für mich ein wichtiger Resonanzraum. Hier begegnen sich Menschen, die Verantwortung für publizistische Qualität, für wirtschaftliche Tragfähigkeit und für die kommunikative Zukunft der Kirchen tragen. Solche Orte des Austauschs brauchen wir dringend. Ich erhoffe mir vor allem den Mut, neue Wege zu denken. Die Medienwelt verändert sich rasant. Gleichzeitig bleiben die grundlegenden Fragen dieselben: Wie erreichen wir Menschen? Wie schaffen wir Vertrauen? Wie vermitteln wir Orientierung in einer komplexen Welt? Auf diese Fragen werden wir nur gemeinsam überzeugende Antworten finden.

Wie beurteilen Sie die Position und Relevanz der konfessionellen Presse in der heutigen deutschen Medienlandschaft? Wo sehen Sie die größten Chancen, und vor welchen akuten Herausforderungen stehen die Redaktionen?
Wer heute meint, konfessionelle Medien seien ein Nischenprodukt, unterschätzt ihre gesellschaftliche Bedeutung. Gerade weil viele Menschen auf der Suche nach Orientierung sind, gewinnen Medien an Bedeutung, die Ereignisse nicht nur berichten, sondern auch einordnen. Die konfessionelle Presse bringt eine Perspektive in den öffentlichen Diskurs ein, die von Menschenwürde, Verantwortung und Solidarität geprägt ist. Das ist eine wichtige Ergänzung und Akzentsetzung im medialen Spektrum. Die Herausforderungen sind allerdings erheblich. Wie alle Medienhäuser stehen auch konfessionelle Redaktionen und Verlage unter wirtschaftlichem Druck. Hinzu kommen veränderte Lesegewohnheiten, die Digitalisierung und die Frage, wie jüngere Zielgruppen erreicht werden können. Entscheidend wird sein, journalistische Qualität mit neuen digitalen Formaten zu verbinden, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Welchen Beitrag kann die konfessionelle Presse zur Stärkung der Ökumene, aber auch zur Förderung des interreligiösen Dialogs in einer zunehmend säkularen Gesellschaft leisten?
Ökumene beginnt oft damit, dass man einander wahrnimmt und versteht. Genau dazu können Medien beitragen. Sie können sichtbar machen, wie viel Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen bereits verbindet und wo gemeinsames Handeln gelingt. Gleichzeitig leben wir in einer religiös vielfältigen Gesellschaft. Wer friedlich zusammenleben will, muss einander kennenlernen. Konfessionelle Medien können Räume eröffnen, in denen Religion nicht als Problem, sondern als Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit sichtbar wird. Dabei geht es nicht um Harmonisierung. Echter Dialog lebt davon, Unterschiede ernst zu nehmen und dennoch respektvoll miteinander im Gespräch zu bleiben. In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung ist das ein unschätzbarer Beitrag.

Sie betonen die Bedeutung von Medienfreiheit und -vielfalt für unsere Demokratie, gerade in Zeiten populistischer Strömungen. Welche politischen Notwendigkeiten sehen Sie hier?
Demokratie braucht informierte Bürgerinnen und Bürger. Deshalb sind freie und vielfältige Medien kein Luxus, sondern Teil der demokratischen Infrastruktur. Wir erleben derzeit, wie Desinformation, Verschwörungserzählungen und gezielte Polarisierung öffentliche Debatten beeinflussen. Umso wichtiger sind unabhängige Medien, die recherchieren, überprüfen, kommentieren und einordnen. Politisch bedeutet das für mich: Wir müssen Medienvielfalt sichern, journalistische Arbeit schützen und Medienkompetenz stärken. Wer Demokratie stärken will, muss auch den Journalismus stärken. Denn Vertrauen in demokratische Institutionen entsteht dort, wo Informationen verlässlich und nachvollziehbar vermittelt werden.

Die digitale Transformation macht vor den Kirchen nicht halt. Welche Rolle spielen digitale Kanäle und Social Media heute für die Kommunikation der Kirche?
Kirche muss dort präsent sein, wo Menschen miteinander kommunizieren. Deshalb sind digitale Kanäle und soziale Medien heute unverzichtbar. Dabei geht es nicht nur darum, Botschaften zu senden. Digitale Kommunikation bedeutet vor allem Dialog. Menschen erwarten, dass ihnen zugehört wird, dass ihre Fragen ernst genommen werden und dass Kirche ansprechbar ist. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht von den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie treiben lassen. Kirche muss nicht immer die Lauteste sein. Aber sie sollte eine Stimme sein, die Orientierung gibt, Hoffnung vermittelt und den Respekt vor dem anderen wahrt – gerade in digitalen Räumen.

Der Einzug von KI verändert den Journalismus rasant. Welche Chancen sehen Sie darin, und welche ethischen Richtlinien sollten aus konfessioneller Sicht im Umgang mit KI und automatisierter Inhaltserstellung gelten?
Künstliche Intelligenz bietet große Chancen für den Journalismus. Sie kann bei Recherche, Datenanalyse, Übersetzungen oder der Aufbereitung komplexer Informationen unterstützen und so Ressourcen für die eigentliche journalistische Arbeit freisetzen. Gleichzeitig stellt KI uns vor grundlegende ethische Fragen. Aus christlicher Sicht muss immer der Mensch im Mittelpunkt stehen. Verantwortung, Urteilskraft und Gewissen lassen sich nicht automatisieren. Deshalb brauchen wir klare Leitlinien: Transparenz über den Einsatz von KI, sorgfältige Kontrolle aller Inhalte, Schutz von Persönlichkeitsrechten und die Vermeidung von Diskriminierung durch algorithmische Verzerrungen. KI kann ein hilfreiches Werkzeug sein, aber sie darf journalistische Verantwortung nicht ersetzen. Gerade konfessionelle Medien können hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie technologische Innovation mit ethischer Reflexion verbinden.

Zum Schluss ganz persönlich: Was bedeuten freie Medien und Pressefreiheit für Sie?
Für mich gehören freie Medien zu den großen Errungenschaften einer offenen Gesellschaft. Sie ermöglichen es, unterschiedliche Stimmen zu hören, Macht kritisch zu hinterfragen und gesellschaftliche Debatten offen und konstruktiv zu führen. Als Christin bin ich überzeugt, dass Wahrheitssuche Offenheit, Dialog und die Bereitschaft zur Selbstkritik voraussetzt. Pressefreiheit schafft die Voraussetzungen dafür. Sie schützt nicht nur Journalistinnen und Journalisten, sondern letztlich die mündige Freiheit aller Bürgerinnen und Bürger. Deshalb betrachte ich freie Medien als ein hohes Gut, das wir nicht als selbstverständlich ansehen dürfen. Sie gehören zu den tragenden Säulen unserer Demokratie und verdienen unseren Schutz und unsere Wertschätzung – gerade in unruhigen Zeiten. 

 

MVFP impuls als E-Paper lesen.

Druckansicht Seite weiterempfehlen