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„Am Kiosk“ mit Florian Boitin: Das Flaggschiff der satirischen Provokation

Print & Digital MVFP impuls

Florian Boitin, Chefredakteur von PLAYBOY Deutschland, verrät in MVFP impuls, warum er „Am Kiosk“ am liebsten zur „Titanic“ greift – einem Magazin, das mit provokanter Satire immer wieder Grenzen auslotet und der Gesellschaft dabei den Spiegel vorhält.

Der Vorstand der Ex-FDP-Chef hatte überhaupt keinen Spaß und brachte seinen Anwalt in Stellung. Dieser verklagte dann im Auftrag von Christian Lindner und seiner Gattin Franca Lehfeldt die „Titanic“ auf Unterlassung und Schmerzensgeld. Grund der juristischen Auseinandersetzung: Die werdenden Eltern Lindner/Lehfeldt sahen in der „geschmacklosen Darstellung“ einen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Auf dem Cover des Magazins ist das Ehepaar zusammen mit einem Ultraschallbild abgebildet. Dazu titelte die Redaktion: „Baby-Glück im Eimer – es wird ein Low-Performer! Lindner stellt Eilantrag zur Abschaffung von § 218“.

Der einstige Bundesfinanzminister ist aber beileibe nicht das einzige prominente Opfer der 1979 gegründeten Zeitschrift. Die „Titanic“, die sich selbst als „das endgültige Satiremagazin“ bezeichnet, gibt sich seit jeher angriffslustig, gerade wenn es um die politische Elite des Landes geht – und darum, diese möglichst schamlos zu verspotten. Angela Merkel schaffte es ganze 43-mal auf das Cover der Satirezeitschrift. Nur Helmut Kohl war den Machern mit mehr als 100 Ausgaben noch häufiger eine Titelseite wert. Zu den Klassikern gehören hier sicher die Titelgestaltungen der Ausgaben 4/92 („Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!“) oder 11/82 („Birne muss Kanzler bleiben!“). Der von der „Titanic“-Redaktion erdachte Begriff „Birne“ wurde fortan zum beliebten Schmähnamen Kohls.

„Titanic“ lotet bei seinen Darstellungen häufig aber nicht nur die Grenzen des Erträglichen, sondern auch die des Sagbaren aus. So sehen sich die Verantwortlichen der Frankfurter Monatszeitschrift seit jeher einer Fülle von Klagen ausgesetzt. Als im Jahr 1993 der einstige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm 40.000 DM Schadensersatz plus 190.000 DM Anwalts- und Gerichtskosten erstreitet, steht das Magazin kurz vor der Pleite. Die finanziellen Schwierigkeiten hinderten die Zeitschriftenmacher aber keineswegs, auch weiterhin der Maxime Kurt Tucholskys zu folgen, wonach Satire alles darf und sowieso von der Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt ist. So erschien im Oktober 2003 eine Titelseite, die – anlässlich der Bundespräsidentenwahl – einen lachenden Roberto Blanco zeigt, mit nach oben ausgestrecktem Daumen. Dazu die Zeile: „Bundespräsident Blanco: Warum nicht mal ein Neger?“

Die Satirezeitschrift, die Autorengrößen wie Robert Gernhardt, Max Goldt oder Heinz Strunk, aber auch Weltklasse-Karikaturisten wie Manfred Deix, Hans Traxler oder Gary Larson eine mediale Plattform gab, wurde aber auch einem großen Fernsehpublikum bekannt, als der damalige Chefredakteur Bernd Fritz 1988 in der ZDF-Sendung „Wetten, dass …?“ vorgab, Buntstifte am Geschmack erkennen zu können.

Es ist aber vor allem die Zeitschrift, die uns als Gesellschaft immer wieder gekonnt den Spiegel vorhält. Und mein All-Time-Favorite-Cover ist dabei eines, das den Fall der Mauer im November 1989 zum Anlass nimmt und die (teilweise bis heute bestehenden) Ressentiments der Westdeutschen den Menschen im Osten gegenüber aufs Korn nimmt. Titelzeile: „Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“.

Heute gilt mehr denn je die Weisheit des englischen Autors Lionel Strachey: „Wenn der Humor ernst genommen wird, hört der Spaß auf.“

Florian Boitin ist geschäftsführender Gesellschafter, Chefredakteur „Playboy Deutschland“, Herausgeber „Sports Illustrated Deutschland“, Kouneli Holding GmbH.

 

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