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Stiftung Lesen: Lesekompetenz in Deutschland: Daten, Hintergründe und Handlungsbedarfe

Fachmedien

Die Lesekompetenz junger Menschen steht unter Druck. Das Faktenblatt zeigt Daten, Herausforderungen und Handlungsbedarfe.

Foto: Stiftung Lesen/Jonathan Kaiser

Lesekompetenz ist eine zentrale Fähigkeit für das Leben. Ob Menschen lesen können oder nicht, entscheidet darüber, wie gut sie sich in ihrem Alltag zurechtfinden, prägt die persönliche und berufliche Entwicklung und darüber hinaus unsere Gesellschaft.

Aktuelle Studien wie PISA und IGLU machen deutlich: Die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steht unter Druck. Die Gruppe schwacher Leser*innen wächst, während zugleich immer weniger junge Menschen besonders gut lesen können. Hinzu kommt ein deutlicher Rückgang der Lesefreude. Um diese Entwicklung umzukehren, braucht es wirksame Maßnahmen entlang der gesamten Bildungskette – von früher Sprachförderung über die Lesemotivation im Alltag bis hin zu gezielter Unterstützung für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Dieses Faktenblatt bündelt die wichtigsten Daten, Hintergründe und Handlungsbedarfe auf einen Blick.

 

Zur Lesesituation in Deutschland

Lesekompetenz entwickelt sich auseinander
Studien wie PISA und IGLU zeigen: Die Schere zwischen gut Lesenden und Kindern mit schwacher Lesekompetenz wird größer. Gleichzeitig wächst der Anteil der Kinder mit geringen Lesekompetenzen, während die Gruppe der besonders gut Lesenden kleiner wird. Die Entwicklung ist damit an beiden Enden der Kompetenzskala besorgniserregend.

Lesefreude nimmt ab
Kinder und Jugendliche lesen nicht grundsätzlich ungern, doch Lesen verliert im Alltag an Regelmäßigkeit und Sichtbarkeit. Deutschland verzeichnet im internationalen Vergleich einen besonders starken Rückgang der Lesefreude. Wer weniger Freude am Lesen hat, liest seltener und übt weniger – ein Teufelskreis. Deshalb braucht es Vorbilder und positive Leseerfahrungen von Anfang an.

Bildungschancen sind ungleich verteilt
In Deutschland hängen Bildung und die Entwicklung von Lesekompetenz noch immer stark von der sozialen Herkunft ab. Unterschiede zeigen sich unter anderem beim Vorlesen, beim Zugang zu Lesematerial, bei sprachlichen Anregungen im Alltag sowie bei den verfügbaren Zeit- und Unterstützungsressourcen im Elternhaus. Das Bildungssystem gleicht diese Unterschiede nicht ausreichend aus. Erfolgreiche Sprach- und Leseförderung muss deshalb früh beginnen, dauerhaft sein und gerade diejenigen Kinder erreichen, die zu Hause weniger Unterstützung erhalten.

Zahlen auf einen Blick

  • Ein Viertel der Viertklässler erreicht beim Lesen nicht den Mindeststandard (IGLU 2021).
  • Ein Drittel der 15-Jährigen kann nicht ausreichend gut lesen (PISA 2025).
  • Geringe Lesezeit: Die durchschnittliche Lesezeit im Unterricht beträgt in Deutschland 141 Minuten pro Woche; in den Vergleichsgruppen der EU und OECD liegen die Werte höher (EU-Durchschnitt 194 Minuten, OECD 205 Minuten).
  • Etwa jedem dritten Kind zwischen ein und acht Jahren wird zu selten oder gar nicht vorgelesen.
  • 35 % der 12- bis 19-Jährigen lesen laut JIM 2025 regelmäßig gedruckte Bücher oder Comics; 16 % lesen nie.

 

Herausforderungen – in Gesellschaft und System

Zu wenig Verzahnung und Verbindlichkeit
Deutschland verfügt über vielfältige Programme zur Sprach- und Leseförderung: von Vorleseinitiativen in Kitas über Leseclubs in Schulen bis zu wissenschaftlich unterlegten Ansätzen wie das Leseband. Die Angebote greifen häufig jedoch nicht ausreichend ineinander. Dadurch fehlen Reichweite, Verbindlichkeit in der Umsetzung und eine systematische Förderung über die gesamte Bildungsbiografie hinweg. Dazu sind viele Programme zeitlich befristet oder auf das zusätzliche Engagement einzelner Fachkräfte angewiesen. Eine verlässliche Förderung darf aber nicht vom Zufall oder von Einzelinitiativen abhängen.

Ungleiche Startbedingungen werden nicht ausreichend ausgeglichen
Die aktuellen Strukturen setzen weiterhin voraus, dass Kinder zu Hause umfassend unterstützt werden können. Familienrealitäten sind heute jedoch vielfältiger: Zeitressourcen, Sprachvoraussetzungen und Unterstützungsmöglichkeiten unterscheiden sich erheblich. Erfolgreiche Bildungssysteme setzen deshalb auf frühe, systematische und verbindliche Förderung für alle Kinder.

Lesenkönnen wird unterschätzt
Lesen ist nicht nur ein Bildungs- oder Kulturthema, sondern eine grundlegende Voraussetzung für ein erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben. Lesekompetenz beeinflusst Bildungswege, Berufschancen, Gesundheit und die Fähigkeit, Informationen kritisch einzuordnen. Eine demokratische Gesellschaft braucht Menschen, die Texte verstehen, bewerten und hinterfragen können.

 

Was wir brauchen

Eine verbindliche Leseförderkette von Anfang an
Leseförderung muss bereits in den ersten Lebensjahren beginnen und mindestens bis zum Ende der Grundschule systematisch fortgeführt werden. Familien sollten von Anfang an unterstützt und begleitet werden. Kitas und Schulen benötigen verbindliche Verfahren zur Sprach- und Leseförderung sowie ausreichend Ressourcen für die individuelle Unterstützung.

Mehr Zeit fürs Lesen
Regelmäßige Lesezeiten sollten fester Bestandteil des Bildungsalltags sein. Lesen muss als Basiskompetenz verstanden werden, die kontinuierlich geübt und gefördert wird.

Lesen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Wenn wir die Lesekrise überwinden wollen, müssen wir Lesen wieder sichtbarer machen. Kinder orientieren sich an dem, was sie erleben. Wer selbst liest, vorliest oder über Geschichten spricht, sendet ein wichtiges Signal: Lesen gehört zum Alltag und macht Freude. Genau solche Vorbilder brauchen Kinder und Jugendliche. Diese Verantwortung tragen wir alle. Ein guter Start ist der Bundesweite Vorlesetag am 20. November 2026.

 

Weitere Informationen zum Bundesweiten Vorlesetag am 20. November 2026

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