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Stephan Scherzer in ‚kress pro‘: „Die Zukunft passiert jetzt“

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Neue Technologien ermöglichen eine nie gekannte Nähe zum Kunden. Wie erfolgreiche Unternehmen das nutzen, hat sich VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer bei einer Reise ins Silicon Valley angesehen. Was er dabei gelernt hat | erschienen in ‚kress pro‘ 02/2019 vom 14. März 2019

kress pro 02/2019, 14. März 2019, S. 80/81

Mal wieder den Dingen auf den Grund zu gehen, in den Maschinenraum gehen, über die nahe und etwas fernere Zukunft zu diskutieren. Was haben die Entwicklungen und Vernetzungen von KI, Machine Learning, Big Data, Robotik, New Work, Plattformökonomie für Auswirkungen auf die Arbeitswelt, den fairen Wettbewerb, Gesellschaft und Politik? Mit diesen Fragen im Gepäck ging es in die Bay Area. Das Silicon Valley ist für mich immer noch einzigartig. Innerhalb von 90 Minuten lässt sich praktisch jeder Gesprächspartner mit dem Auto erreichen: ob Venture-Capitalist, Patentanwalt, Professoren in Stanford oder Berkeley, Start-ups oder globale Plattformgiganten. Nirgendwo liegen Geld, Wissen und internationales Talent in so dichter und hochwertiger Form beieinander.

Folgende Überlegung hilft mir dabei, in den Maschinenraum einzusteigen: Wenn du einen guten Service umsonst bekommst, ist es gut möglich, dass du selbst das Produkt bist, das verkauft wird. Die Amerikaner sagen dazu schlicht: „There is no such thing as a free lunch!“ Damit ist eines der wesentlichen Merkmale disruptiver Modelle beschrieben. Angebote wie Amazon Prime Video, Google Translate, WhatsApp oder Snapchat erfordern nur ein simples Login und liefern spannende, nützliche und bequeme Dienstleistungen – augenscheinlich ohne Werbung oder einen Preis aufzurufen. Die Verbindung großer, strukturierter Datenmengen, enormer Rechenkapazitäten in der Cloud und eines zielgerichteten Algorithmus ermöglichen eine nie gekannte Kundenorientierung. Amazon und Alibaba haben pro Sekunde bis zu 300.000 Kundenkontakte, so Aussagen der Cloudmanager. Während Menschen mit derartigen Datenmengen noch nicht einmal im Ansatz umgehen können, werden maschinengesteuerte Services mit jedem Kontakt, jedem Input beständig besser.

„We launch products and ask for forgiveness later“, auch so lässt sich das Selbstverständnis und das unternehmerische Credo von Start-ups, Geldgebern, aber auch der großen Plattformen gut wie dergeben. Nicht erst die Gewitterwolken diskutieren, die heraufziehen könnten, sondern testen, probieren, anpassen und dann mal sehen, was die Politik sagt.

Laserfokus auf die Kundenbedürfnisse
Die Bedeutung der Smartphones wird weiter stark zunehmen – sie werden den (Medien-)Alltag noch mehr bestimmen. Menschen über 18 verbrachten 2018 in den USA rund 3,5 Stunden pro Tag auf mobilen Geräten (eMarketer-Analyse). Bei Jugendlichen sind die Werte noch höher. 2019 wird Mobile an TV vorbeiziehen. Das Smartphone ist das leistungsfähigste Massenmedium aller Zeiten, sozusagen die Fernbedienung für alle Services und Programme des digitalen Zeitalters. Die faltbaren Bildschirme der neuen Smartphones von Samsung und Huawei gehen jetzt auf den Markt. Sie werden die Geräte für bestimmte Zielgruppen noch wichtiger machen und die Preise werden damit schnell fallen. Hier entstehen neue Möglichkeiten für journalistische Inhalte, weil der Lesekomfort beim großen Bildschirm steigt, das Smartphone aber in die Jackentasche passt. Anders als damals beim iPad.

Digital hin oder her: alle Unternehmen, die erfolgreich sind, haben einen Laserfokus auf die Kundenbedürfnisse. Treue Communitys, früher sagte man Gemeinschaften, können nicht nur Berge versetzen, sondern auf vielfältige Art etwas zum Unternehmenserfolg beitragen. Qualifizierte und interessierte Communitys sorgen dafür, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Sie können bei Techplattformen wie der Mozilla Foundation (Firefox), beim Bugfixing einspringen, Code optimieren oder schlicht neue Versionen durch kritisches Feedback optimieren. Die Crowd ist hier als engagierte und sogar emphatische Qualitätskontrolle unterwegs.

Auch Manager von Uber haben Spannendes zu erzählen. Uber hat – wie die Verlage mit Lesern und Werbetreibenden – zwei Arten von Kunden: die Fahrer und die Mitfahrer. Das Feedback von beiden Communitys hilft enorm bei der Verbesserung der Dienstleistung. Beide sind nicht vertraglich an das Unternehmen gebunden, sondern werden durch unterschiedliche Incentives motiviert. Verlage und Uber verfügen über große Datenmengen. Im Unterschied zu vielen Verlagen nutzt Uber diese Daten kombiniert mit intelligenten Algorithmen in großem Maßstab, um den Service weltweit zu verbessern. Jetzt haben die Fahrer mit Uber-Fright oder UberEats, einem Food-Delivery-Service, eine weitere Einnahmemöglichkeit und die Kunden einen neuen Service. Warum sollten nicht Medikamente, Güter des täglichen Bedarfs oder auch Zeitschriften vom Uber-Fahrer gebracht werden? Ein kleiner Einkehrschwung beim lokalen Kiosk und zum Abendessen gibt es noch die Lieblingszeitschrift frei Haus.

Interaktiver Live-Journalismus
Interessante Entwicklungen gibt es auch in der Musikindustrie. Zwar ist Spotify ein effizienter Marketingkanal für Bands und Solisten, aber Geld ist damit kaum zu verdienen. Deshalb müssen Musiker viel öfter auf Tour gehen, um die Brötchen mit Paid Content zu verdienen. In Kalifornien gibt es das „California Sunday Magazine“, das in Kooperation mit dem „Pop-up Magazine“ ein modernes und wirtschaftlich erfolgreiches Tourformat für Journalismus entwickelt hat. Hier geht es um interaktiven Live-Journalismus und modernes Storytelling. 2019 sind die Erwartungen, mit „Pop-up Magazine“-Touren mehr als 40.000 Teilnehmer zu erreichen. Auch hier spielt die Community die entscheidende Rolle. Zeitschriftenmarken sind sehr gute Community-Anker – da gibt es große Chancen. Einige weitere Erkenntnisse:

  1. Nur ein gutes Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft ist ein tragfähiges Fundament für stabile Verhältnisse, Wachstum und Wohlstand in einem demokratischen Rechtsstaat. Reine Elitenbildung greift viel zu kurz.
  2. Einsatz moderner Technik für Medienhäuser ist wettbewerbsentscheidend: CTOs gehören in den Vorstand; Programmierer haben im Digitalen einen Stellenwert wie Journalisten und Branchenfremde eröffnen neue Blickwinkel.
  3. Der Wein ist wertvoller als der Schlauch: Es zählt die Qualität des Inhalts, und zwar auf allen Kanälen. Deshalb sind Verschlüsselung von Inhalten und ein robustes Urheberrecht wichtige Bausteine für das Inhaltegeschäft der Zukunft.
  4. Dort, wo der Markt versagt, soll die Politik regulierend eingreifen: Der freie und faire Wettbewerb ist wichtig und bringt Innovation und Wachstum.
  5. Deutschland und Europa müssen attraktiver für große Finanzierungsrunden im dreistelligen Millionenbereich werden. Sonst werden die besten Start-ups ab der zweiten Runde aus dem Silicon Valley oder China finanziert.
  6. Menschen machen immer noch den Unterschied, gerade wenn Technologie überall ist.
  7. Organisationen, die Konsens und Zusammenhalt organisieren (Parteien, Kirchen, Verbände …), müssen sich neu erfinden, sonst werden sie von den Extremen zerrieben.

Die Chance der Medienhäuser, des unabhängigen Journalismus liegt in der Verbindung von zielgruppenfokussiertem Journalismus, effizientem Technikeinsatz auf jeder Plattform und Bindung der Leser über Logins, einfache Pay-Gates und attraktiven 360-Grad-Formaten (Konferenzen, Podcasts, Videoformate). Die Zukunft passiert jetzt. Zeit ist die härteste Währung, die es gibt: sie lässt sich nicht speichern, kaufen oder anhalten. Der Wettbewerb um dieses wertvollste Gut der Menschen ist intensiv. Gerade wegen der Chancen und Herausforderungen durch AI, Machine Learning, Big Data, Quantum Computing, Robotic oder Nano-Tech; das Wichtigste ist und bleibt ein sehr gutes Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft. Kritisches Denken, das Stellen der W-Fragen, Mut und Courage, „einfache Antworten“ für komplexe Herausforderungen zu hinterfragen sind Gebot der Stunde für plurale und freie Gesellschaften und für jeden Einzelnen.

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