Lehrkräfte und die Rolle der Presse: Wissenslücken bei einer demokratischen Schlüsselkompetenz
Nachrichtenkompetenz sei eine „Schlüsselkompetenz zum Funktionieren unserer Demokratie“, betonte Dr. Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) bei der Vorstellung der Folgestudie „Die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule“ beim BDZV-Kongress Anfang Oktober. Für die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz kommt Lehrkräften eine zentrale Rolle zu.
Befragt wurden 533 Lehrkräfte, die Deutsch und/oder sozialwissenschaftliche Fächer in den Klassenstufen sieben bis zehn an Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien unterrichten, sowie 123 Lehramtsstudierende dieser Fachrichtungen. Die Untersuchung zeichnet ein differenziertes Bild. 55 Prozent der befragten Lehrkräfte halten die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz für besonders wichtig, weitere 39 Prozent für noch wichtig. Die Einschätzung der Bedeutung von Nachrichtenkompetenz ist damit gegenüber der Untersuchung von 2020 unverändert geblieben. Doch diese Wertschätzung geht nicht mit einem fundierten Wissen über die Aufgaben, Arbeitsweisen und Regeln des professionellen Journalismus einher. Auch im Unterricht werden diese Grundlagen selten intensiv behandelt.
Wissenslücken über Aufgaben und Regeln des Journalismus
Das Verständnis über die Aufgabe der Medien weist bei Lehrkräften und Lehramtsstudierenden Lücken auf. Zwar zählen 94 Prozent der Lehrkräfte und 91 Prozent der Studierenden die Information über politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse dazu, die kritische Beobachtung und Kontrolle der Mächtigen nennen dagegen nur 57 bzw. 58 Prozent. Zwölf Prozent der Lehrkräfte und 14 Prozent der Lehramtsstudierenden sehen es sogar als Aufgabe der Medien an, die Meinungsbildung im Sinne der Regierung zu lenken.
Viele der befragten Lehrkräfte kennen nur grundlegende Regeln des Journalismus: 85 Prozent wissen beispielsweise, dass der Pressekodex Regeln für journalistisches Verhalten vorgibt. Dennoch zeigt die Studie Fehlvorstellungen über die Unabhängigkeit und Arbeitsweise der Presse: 26 Prozent sind der Ansicht, dass für eine Tätigkeit als Journalist eine Lizenz erforderlich sei. 23 Prozent halten die Aussage für zutreffend, dass ein Bericht über einen Bundesminister nur mit Genehmigung des Ministeriums veröffentlicht werden dürfe. 22 Prozent sind der Meinung, das Kanzleramt lege in der Bundespressekonferenz fest, über welche bundespolitischen Themen die Medien berichten sollen. Auch bei der Trennung von Nachricht und Meinung bestehen Unklarheiten.
Wissenslücken zeigen sich zudem bei der Unterscheidung zwischen professionellem Journalismus und anderen Formen der öffentlichen Kommunikation. Lediglich 41 Prozent der Lehrkräfte und 35 Prozent der Lehramtsstudierenden geben an, die in der Studie angesprochenen Unterschiede zwischen den rechtlichen Regelungen für Influencer und denen für Journalisten bzw. klassische Medien zu kennen. Zwölf bzw. 16 Prozent hätten diese Unterschiede nicht unbedingt erwartet.
Quellenkritik im Fokus, professioneller Journalismus selten Thema
Die Wissenslücken spiegeln sich zumindest teilweise in der Schwerpunktsetzung des Unterrichts wider: dort geht es vor allem darum, Fake News zu erkennen, Nachrichten kritisch zu hinterfragen und vertrauenswürdige Informationsquellen zu beurteilen. Auch das Thema künstliche Intelligenz ist bereits präsent: 42 Prozent der Lehrkräfte haben bei der letzten Behandlung von Nachrichtenkompetenz intensiv vermittelt, was KI kann und wo ihre Grenzen liegen.
Deutlich seltener geht es um die Herkunft und die demokratische Bedeutung von Nachrichten. Lediglich 16 Prozent haben zuletzt behandelt, wie sich erkennen lässt, ob Nachrichten von professionellen Journalisten oder von Laien stammen. Die Unterscheidung von Nachrichten und Kommentaren behandelten 32 Prozent intensiv. Die Bedeutung von Nachrichten und Medien für das politische System und die Frage, warum es wichtig ist, sich als Bürger über Aktuelles zu informieren, thematisierten 30 bzw. 36 Prozent.
Medienvertrauen: Rückläufiges Vertrauen, jüngere Lehrkräfte und Studierende sind skeptischer
Neben den Kenntnissen über Journalismus und seiner Behandlung im Unterricht untersucht die Studie auch, wie Lehrkräfte die Medien selbst bewerten. Dabei zeigt sich gegenüber 2020 eine zunehmend kritische Haltung.
56 Prozent der befragten Lehrkräfte haben großes oder sehr großes Vertrauen, von den Medien in Deutschland zuverlässig und gut informiert zu werden. 2020 waren es noch 61 Prozent. 36 Prozent äußern dagegen weniger großes oder gar kein Vertrauen. In der Vorgängerstudie lag dieser Anteil bei 27 Prozent. Bei Lehrkräften unter 40 Jahren liegt dieser Anteil bei 42 Prozent und bei Lehramtsstudierenden bei 41 Prozent.
Auch die Bewertung des Mediensystems fällt kritischer aus als 2020: 53 Prozent der Lehrkräfte stimmen der Aussage zu, dass es insgesamt gut funktioniert und seine Aufgaben erfüllt, gegenüber 62 Prozent in der Vorgängerstudie. Dass die Medien ihrer Aufgabe, Politik und Wirtschaft zu kontrollieren und Missstände aufzudecken, gut nachkommen, meinen 35 Prozent; 2020 waren es 40 Prozent. Zugleich sind 47 Prozent der Meinung, dass Medien vor allem an Skandalen und Schlagzeilen interessiert sind, um mehr Leser anzuziehen. 25 Prozent sind der Ansicht, dass Unternehmen und ihre Interessen oft vorgeben, welche Nachrichten gemeldet werden. 18 Prozent glauben, dass dies den Medien häufig von der Politik vorgeschrieben wird.
Haltung zur Demokratie: Deutliche Unterschiede zwischen West und Ost
Bei der Bewertung von Nachrichtenkompetenz und der Haltung zur Demokratie zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In Westdeutschland bewerten 58 Prozent das Thema als besonders wichtig, in Ostdeutschland sind es 41 Prozent.
88 Prozent der befragten Lehrkräfte sind der Meinung, dass sich die Demokratie in Deutschland im Großen und Ganzen bewährt hat. Zehn Prozent sind unentschieden oder haben dazu keine Meinung, während zwei Prozent eine autoritäre Staatsform mit einer starken Persönlichkeit an der Spitze bevorzugen. Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede: In Westdeutschland bewerten 92 Prozent die Demokratie als bewährt, in Ostdeutschland sind es 74 Prozent. Dort sind 22 Prozent unentschieden und vier Prozent bevorzugen sogar eine autoritäre Staatsform. Unter den Lehramtsstudierenden halten 85 Prozent die Demokratie für bewährt, zwölf Prozent sind unentschieden und drei Prozent sprechen sich für die autoritäre Alternative aus.
Lehrkräftebildung und Unterricht brauchen mehr Raum
Die Studienergebnisse weisen insbesondere auf Defizite in der Lehrkräftebildung und begrenzte zeitliche Spielräume im Schulalltag hin. Der Handlungsbedarf beginnt bereits im Studium: 91 Prozent der befragten Lehramtsstudierenden halten Kenntnisse über das Mediensystem und die Medienlandschaft in Deutschland für wichtig oder sehr wichtig. Gleichzeitig berichten 55 Prozent, dass diese Kenntnisse in ihrem eigenen Studium nur eine weniger große oder gar keine Rolle spielen. Hinzu kommen zeitliche Grenzen im Schulalltag. 46 Prozent der Lehrkräfte halten den verfügbaren Rahmen für unzureichend, um Schülerinnen und Schülern ein Grundverständnis von Nachrichtenkompetenz zu vermitteln. Weitere zwölf Prozent geben an, der Lehrplan biete dafür keinen Raum.
Zur Studie:
Die Stiftervereinigung der Presse gab die Folgestudie anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens mit Unterstützung des BDZV und der Stiftung Presse-Haus NRZ beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag. Befragt wurden im Mai und Juni 2026 insgesamt 533 Lehrkräfte der genannten Fächer und Schulformen, 123 Lehramtsstudierende für Deutsch bzw. sozialwissenschaftliche Fächer sowie 1.010 Personen der deutschen Wohnbevölkerung ab 16 Jahren. Die Untersuchung knüpft an die Studie von 2020 an.
