Journalistinnenbund: Courage- und Nachwuchspreis 2026 und Hedwig-Dohm-Stipendium vergeben
Extreme Lebens- und Arbeitswelten von Frauen – einmal in der Schweiz, einmal in Estland – stehen im Mittelpunkt der Beiträge, die der Journalistinnenbund (jb) in diesem Jahr mit dem Nachwuchspreis und dem Courage-Preis prämiert. Auch die neue Hedwig-Dohm-Stipendiatin wird sich der Arbeitswelt annehmen, am Beispiel lokaler Frauenshops auf den Philippinen.
And the winner is: Livia Grossenbacher. Für ihre Podcast-Serie „Halbwertszeit“, erschienen auf der Schweizer Digitalplattform Republik, zeichnet der Journalistinnenbund die Berner Journalistin mit dem Marlies-Hesse-Nachwuchspreis 2026 aus. Die 30-Jährige schildert die Situation von Schweizer Heimarbeiterinnen, die bis in die 1960er Jahre die Zifferblätter der berühmten Schweizer Uhren zum Leuchten brachten, mit radioaktiver Farbe, zu Hause. Die Folgen wurden von den Behörden lange Zeit ignoriert. Der jb würdigt die exzellente Recherche, das innovative Sounddesign und die Thematik: Eindrucksvoll wird auf der einen Seite die Situation der Heimarbeiterinnen erzählt und auf der anderen Seite gezeigt, wie ignorant die Gesellschaft mit den gesundheitlichen Folgen für die Arbeiterinnen und der Bedrohung für die Umwelt umgeht.
Der Courage-Preis 2026 geht an das Radiofeature „Im Grenzland – Frauen in Estland bereiten sich auf den Ernstfall vor“ von Juli Schulz, eine Produktion unter Federführung des SWR. Die Autorin lenkt den Blick darauf, wie die Menschen in Estland mit der aktuellen Bedrohung durch Russland umgehen – ein überzeugender Rechercheansatz, in dem das Thema Krieg und militärische Gewalt in vorausschauender Weise konsequent aus der Perspektive von Frauen betrachtet wird. Juli Schulz begleitet die Frauen der estnischen Freiwilligeneinheit „Naiskodukaitse“ bei ihrer militärischen Ausbildung und erzählt ihre Motivation, Estland zu verteidigen. Tiefe Recherche und profunde Kenntnis der Geschichte und Gegenwart der Region kennzeichnen diesen Beitrag.
Das Hedwig-Dohm-Recherchestipendium für Nachwuchsjournalistinnen erhält in diesem Jahr Analie Neiteler. Die deutsch-philippinische Redakteurin bei Deutsche Welle News digital recherchiert zum Thema „Kleine Waren, große Wirkung: Wie Kleinunternehmerinnen Asiens Wirtschaft prägen“. Am Beispiel der meist von Frauen geführten „Sari Sari Stores“ auf den Philippinen untersucht sie deren Rolle für die lokale Gemeinschaft und wie die Betreiberinnen sich damit finanziell unabhängig machen. Die Reportage soll crossmedial über die digitalen Kanäle der Deutschen Welle ausgespielt werden.
Die jb-Medienpreise werden im Rahmen der jb-Jahrestagung am 27. Juni in Nürnberg in Anwesenheit der Preisträgerinnen verliehen, ebenso wie die Stipendiumsurkunde.
Der Marlies-Hesse-Nachwuchspreis, benannt nach seiner Stifterin, wird bereits seit 2002 an junge Kolleginnen bis 35 verliehen, die ihren differenzierten Blick auf die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen verschiedener Ethnien, Religionen oder Generationen richten. Zu den Preisträgerinnen der letzten Jahre gehörten Julia Bellan und Franziska Pröll, Paula Lochte, Valerie Schönian, Simona Dürnberg und Anna Mayr. Der Marlies-Hesse-Nachwuchspreis ist mit 1.000 Euro dotiert.
Den Courage-Preis verleiht der jb seit 2016 für herausragende, hintergründige, gendersensible und aufklärende Berichterstattung zu aktuellen Themen. Im vergangenen Jahr gehörten Isabell Beer und Isabel Ströh zu den Ausgezeichneten, davor u.a. Saša Uhlova, Christine Holch und Patricia Morosan, Sandra Petersmann sowie die Redaktion des Hanauer Anzeigers. Der Courage-Preis ist mit 1.200 Euro dotiert.
Mit dem Hedwig-Dohm-Recherchestipendium für Nachwuchsjournalistinnen unterstützt der Journalistinnenbund seit 2022 Kolleginnen, die am Anfang ihrer journalistischen Karriere stehen. Die Förderung, die keiner Altersbeschränkung unterliegt, zielt auf themenoffene journalistische Vorhaben mit geschlechter- und gesellschaftspolitischer Relevanz; sie beträgt einmalig 2.000 Euro. Bisherige Stipendiatinnen waren Livia Hofmann, Clara Hoheisel sowie Antonia Vangelista und Lisa Westhäußer.
