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Publishers' Summit 2018: Eröffnungsrede VDZ-Präsident Dr. Rudolf Thiemann

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- es gilt das gesprochene Wort -

Herzlich Willkommen zum Publishers' Summit 2018 hier in Berlin. Der Publishers' Summit ist nicht nur unsere jährliche Konferenz sondern auch ein Signal unserer Branche, eine Demonstration unserer Werte.

Seit bald zwei Jahrzehnten fordert uns ein radikaler Dauerwandel. Diesen nur auf die Digitalisierung zurückzuführen, wäre zu kurz gesprungen. Wir befinden uns nicht in nur in einem Medienwandel, sondern wir beobachten zeitgleich einen fundamentalen Wandel in Politik , Wirtschaft und Gesellschaft. Wir erleben nicht das Ende der Geschichte, wie es der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem gleichnamigen Buch von 1992 prognostiziert hat, sondern einen heftigen Aufbruch in eine neue Phase, deren Ende wir nicht erkennen können.

Fukuyama glaubte zu wissen, dass mit dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Fall der Berliner Mauer die Schlussphase der politischen Systementwicklung begonnen habe. Totalitäre Systeme wie Kommunismus und Faschismus stellten keine Alternative mehr dar zu liberalen Demokratie. Mit anderen Worten: Demokratie setzt sich zwangsläufig durch.

Fukuyama hat gerade seine Prognose vom „Ende der Geschichte“ kassiert. Er fürchtet nunmehr einen Zerfall der Gesellschaft, auch hervorgerufen und beschleunigt durch eine seit vielen Jahren dominierende Identitätspolitik. Eine solche Politik habe die Auflösung in immer mehr Einzelgruppen befördert und umgekehrt im Populismus Gegenidentitäten mit antidemokratischen Tendenzen hervorgerufen. Mit anderen Worten: Demokratie setzt sich nicht zwangsläufig durch.

Die Auflösung einer übersichtlichen Medien-und Kommunikationlandschaft haben wir selbst erlebt. Vor dreißig Jahren hatten wir Zeitungen und Zeitschriften, die beiden öffentlich-rechtlichen Programme (zum Sendeschluss die Nationalhymne als Gute-Nacht-Melodie), Privatfernsehen in den Anfängen.

Das Angebot für Information und Unterhaltung ist inzwischen explodiert, der Kampf um Aufmerksamkeit der Nutzer zwischen Amazon Prime und Netflix, zwischen Instagram und Parship, Virtual Reality und endlosem Gaming kennt keine Grenzen, schon gar keine Ruhepausen und schon gar keine Nationalhymne, die einen daran erinnert, dass Schlafenszeit ist. Und der Nutzer ist nicht nur Nutzer, sondern ebenso die Goldmine für den Rohstoff - Daten.

Zeitgleich erleben wir eine beispiellose Diskreditierung des Journalismus. Wir wissen, dass es der US-Präsident Trump mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Das stört viele offenbar nicht, vor allem jene nicht, die auch in Deutschland mit Trump der Ansicht sind, dass kritische Berichterstattung mit fake news gleichzusetzen sei. Das Ganze läuft hinaus auf eine Verrohung des Umgangs miteinander. Ja, auf Gewaltbereitschaft, wie wir sie bei Demonstrationen von ganz links und ganz rechts immer häufiger erleben müssen.

Die Kommunikation in der Gesellschaft ist offensichtlich gestört. Wir beobachten Diskursverweigerung und Verschwörungstheorien. Manchmal scheint es, als habe ein Teil der Gesellschaft den Verstand verloren. Die Deutsche Welle hat unlängst die Kommentarfunktion auf der Homepage abgeschaltet. Es sei einfach nicht mehr zu ertragen gewesen, was Nutzer dort an Müll, Hass, Hetze, Rassismus und Menschenfeindlichkeit abgekippt haben, so die Chefredakteurin Ines Pohl.

Wenn manche um sich schlagen, nicht mehr verhandeln und überzeugen, sondern nur noch senden wollen, liegt das dann auch am Verlust der Bedeutung unserer eigenen redaktionellen Plattformen? Und was sollte unsere Antwort darauf sein?

Erstens: Wir können voller Selbstbewusstsein konstatieren, dass sich Zeitschriften und deren digitale Angebote in diesem fundamentalen Wandel behauptet haben. Zahlreiche Neugründungen, Erweiterungen und Ergänzungen der Angebotsportofolios trotzen dem veränderten Anzeigenumfeld und Auflagentrends.

Zweitens: Wir sind der Überzeugung, dass wir wie keine andere Branche (und damit schließe ich selbstverständlich die Zeitungsverlage mit ein) Träger von Werten sind, die wir den Angriffen auf Freiheit und Demokratie entgegenhalten können. Freiheit, Vielfalt und Wettbewerb sind unsere Säulen. Sie prägen uns. Sie sind gewissermaßen das Schmieröl der Demokratie. Gut recherchierte, ausgewogene und fundierte Berichterstattung sowie eine verantwortungsvolle Einordnung der Geschehnisse sind Kern einer demokratischen Auseinandersetzung und Abstimmung.

Darauf können wir uns nicht ausruhen, sondern müssen kontinuierlich erklären, was uns ausmacht, nämlich Editorial Media: Das ist kuratierter Journalismus mit dem Klarnamen des Verantwortlichen im Sinne des Presserechts. Auf diese Weise begründen wir mit jedem Heft, mit jeder digitalen Publikation das Vertrauen unserer Leser. Das jedenfalls ist das Ziel.

Mit Blick auf die werbende Wirtschaft werden wir mit bloßen Appellen nicht weiterkommen. Wir müssen mit Fakten überzeugen. Z.B.  mit der neuen VDZ Studie Brand Safety, Trust & Credibility, die nachweist, dass sich Marken in eben solchen journalistisch –redaktionellen Umfeldern sicher fühlen können. Das gilt sowohl für die B2B- als auch für die B2C–Perspektive.

Drittens: Die Politik ist gefordert. Dass eine freie, publizistisch und wirtschaftlich vom Staat unabhängige Presse für eine freie und demokratische Gesellschaft unverzichtbar ist, ist unsere tiefe Überzeugung. Dieses Bekenntnis hören wir auch aus der Politik immer wieder. Bekenntnisse allein reichen aber nicht. Politiker und Beamte in Berlin und Brüssel müssen viel genauer darauf achten und danach streben, die Bedingungen für den Erhalt einer solchen Presse auf allen klassischen und digitalen Vertriebswegen zu verbessern. Stichworte dazu sind:
Urheber- und Verlegerrecht, E–Privacy Verordnung, Medienplattformregulierung, Telefonmarketing, AVMD–Richtlinie, Werbebeeinträchtigungen.

Zu drei dieser Themen ein paar kurze Anmerkungen:
Ein robustes Eigentumsrecht der Verleger an ihren auch digitalen Presseprodukten ist eine notwendige Bedingung für den Erhalt der freien Presse im digitalen Zeitalter. Sinnvoll ist ein Presseverlegerrecht allerdings erst dann, wenn es zweifelsfrei auch Suchmaschinen- und Aggregatoren-Snippets erfasst. Das EU-Parlament hat letztlich mit einer überzeugenden Mehrheit für ein solches Recht gestimmt. Und auch die Kommission schlägt ein solches Recht vor. Im Ministerrat werden indes leider Stimmen laut, die das Recht so sehr aushöhlen wollen, dass es am Ende sogar das mühsam erstrittene deutsche Leistungsschutzrecht gefährdet. In dieser Situation kommt es auf die Bundesregierung und insbesondere auf Ihr federführendes Justizministerium an, sehr geehrte Frau Bundesministerin. Deutschland muss im Ministerrat ohne Wenn und Aber für ein Verlegerrecht eintreten, wie ich es gerade beschrieben habe. Unter keinen Umständen darf das Bundesjustizministerium ein Recht akzeptieren, das hinter deutsches Recht zurückfällt.

Die derzeit im Ministerrat verhandelte E-Privacy-Verordnung bedroht mehr als 30 Prozent der Werbeeinnahmen journalistischer Internetangebote unserer Presseverlage. Hinzu kommen Einschnitte bei der Produktgestaltung, Behinderungen beim Verkauf und bei der Reichweitenmessung. Das ist das Ergebnis einer VDZ–Studie, die hinreichend bekannt ist und über 70 Prozent der in der AGOF (Arbeitsgemeinschaft Online Forschung) erfassten journalistischen Internetangebote abdeckt. Besonders problematisch ist Artikel 10 der Verordnung, der sich mit Softwarevoreinstellungen befasst. Österreich hat vernünftigerweise die Streichung dieses Artikels vorgeschlagen. Gleichzeitig hat eine beachtliche Zahl von Mitgliedsstaaten die generelle Unausgewogenheit der Verordnung erkannt.

Es wäre unverständlich, wenn ausgerechnet die Bundesregierung an ihrer Position zu einer unzureichenden Fassung des Artikel 10 festhielte und das Zünglein an der Waage spielte auf Seiten einer insgesamt schädlichen Regulierung.

Über ein Jahrzehnt dauernde Bemühungen sind nun von Erfolg gekrönt. Der EU–Ministerrat hat sich endlich darauf verständigt, den Mitgliedsstaaten zu erlauben, ermäßigte Mehrwertsteuersätze auch auf digitale Presseangebote zu erstrecken. Jetzt kommt es darauf an, dass die Berliner Politik das neue Recht schnell und umfassend umsetzt. Wichtig dabei ist, dass das Bundesfinanzministerium einen Entwurf vorlegt, der tatsächlich alle digitalen Substitute der Fach- und Publikumspresse erfasst. Der Bundesfinanzminister hat sich dazu bereits öffentlich positiv geäußert, was wir sehr begrüßen.

Wir haben gerade in diesem Jahr in der Medienpolitik gesehen, wie viel geschlossenes Auftreten bewirken kann. In einer von Monopolen geprägten und dominierten digitalisierten Medienwelt kann eine mittelständische Branche, wie sie der VDZ mit seinen etwa 500 Mitgliedsverlagen repräsentiert, nur vorankommen, wenn die Beteiligten solidarisch zu einander stehen und handeln. Das gibt mir an dieser Stelle die Gelegenheit mich zu bedanken bei den hauptamtlichen Mitarbeitern hier in Berlin für ihren unermüdlichen Einsatz und ganz besonders bei den zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland für ihr vielseitiges ehrenamtliches Engagement für unsere gemeinsame Sache.

Publishers’ Summit und Night 2018 senden starke Signale in eine Welt, in der gemütliche Gewissheiten verloren gegangen sind. Unsere Gäste aus Politik und Wirtschaft sind ein Zeichen unserer Relevanz und politischen Wirkung. Wir freuen uns darauf, heute Abend die Bundeskanzlerin mit den Ehren–Victoria auszuzeichnen, wir freuen uns auf ihre Laudatorin Königin Rania von Jordanien.

Flankiert wird diese Victoria von der für Pressefreiheit, die posthum an die ermordeten Journalisten Daphne Caruana Galizia und Ján Kuciak geht. Es ist richtig, dass wir Verleger uns für Pressefreiheit und den Schutz der Journalisten einsetzen. Die Mordfälle sind besonders erschreckend, haben sie sich doch auf dem Gebiet zweier EU-Staaten ereignet. Solche Fälle geschehen dort, wo Autokratie und Selbstherrlichkeit sich den Weg bahnen. Wir können das leider in einigen europäischen Ländern beobachten.

Beunruhigend ist es auch, wenn in unserem eigenen Land Journalisten an der Ausübung ihres Berufes gehindert werden. Beim Bundeskriminalamt wurden von Anfang 2016 bis Mitte August 2018 33 Gewalttaten gegen Journalisten registriert.

Wir sind hier zusammen als Verleger und Verlagsmanager höchst heterogener Zeitschriften. Wir richten uns als freie Verleger und Unternehmer gegen jede Form von Freiheitsbeschränkung. Die Vorboten von Verboten sind stets Angstmacherei, Behinderung, Bedrohung und Schikane. Wir haben genügend Beispiele in unserer Geschichte zum Thema, was gelesen, geforscht, berichtet, gesungen und kommentiert werden darf, und was nicht.

Wir müssen uns unserer tradierten Werte immer wieder versichern. Lassen Sie uns in diesem Sinne gemeinsam vorangehen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!



 

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