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M100 Sanssouci Colloquium 2015 erfolgreich zu Ende gegangen

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Charlie Hebdo erhält M100 Media Award | Außenminister Frank-Walter Steinmeier hält Abschlussrede des Colloquiums

Mit der festlichen Verleihung des M100 Media Awards an das Satiremagazins Charlie Hebdo ist die internationale Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium heute Abend in der Orangerie von Potsdam-Sanssouci erfolgreich zu Ende gegangen. Die Auszeichnung nahm der Chefredakteur des Magazins Gérard Biard entgegen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Hauptredner des glanzvollen Abends, betonte vor rund 200 geladenen Gästen aus Politik, Medien und Wirtschaft vor dem Hintergrund des 70. Jahrestages der Potsdamer Konferenz die veränderte Rolle Deutschlands in einer sich verändernden Welt: "Vor 70 Jahren trafen die Siegermächte hier in Potsdam Entscheidungen von großer Tragweite über die Neuordnung Deutschlands und Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute stehen wir in Europa vor Gestaltungsaufgaben, die nicht weniger bedeutsam sind. Ob in der Ukraine oder in der Flüchtlingskrise – unter ganz anderen Vorzeichen als 1945 geht es auch heute darum, Ordnung in eine Welt zu bringen, die aus den Fugen geraten ist. Eines hat sich dabei grundlegend verändert: War Deutschland in Potsdam Gegenstand der Krisendiplomatie, so übernehmen wir Deutsche heute gemeinsam mit unseren Partnern Verantwortung." (Lesen Sie <link fileadmin vdz_de user_upload download presse downloads file>hier die vollständige Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, www.auswaertiges-amt.de.)

Die Laudatio auf das Satiremagazin, das am 7. Januar Ziel eines Terroranschlags wurde und dem 12 Menschen, darunter acht Mitarbeiter von Charlie Hebdo zum Opfer fielen, hielt der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach. In bewegenden Worten widmete er den Preis den Opfern aber auch der weiter aktiven Redaktion: "Dieser Preis heute ehrt die Toten. Und er ehrt die Überlebenden. Jeder hätte es verstanden, wenn die Journalisten und Künstler nicht weitergemacht hätten. Dass Sie und Ihre Kollegen es doch getan haben, dass es Charlie Hebdo noch gibt, das ist ein Trotzdem. Trotz der Morde an Ihren Freunden, trotz der Trauer um sie und trotz der Bedingungen, unter den Sie heute arbeiten müssen."

Gérard Biard, Chefredakteur Charlie Hebdo, sagte in seiner Dankesrede: "Innerhalb weniger Minuten, wurden wir zu einem weltweiten Symbol der Meinungs- und Gewissensfreiheit. Wir wurden zu Helden. Lassen Sie mich aber sagen: Das ist nicht unsere Aufgabe. Niemand bei Charlie Hebdo hat sich darum beworben, ein Held zu sein. Es ist nicht die Rolle einer Zeitschrift, und insbesondere nicht die einer Satirezeitschrift, ein Symbol zu sein. Die Überzeugungen und Werte, für die wir eintreten, sind universelle Werte und als solche gehören sie allen Bürgern dieser Welt. Daher sollten alle Bürger dieser Welt sich diese zu Eigen machen und für sie eintreten." Und weiter: "Wie reagiert man auf Gewalt? Ich weiß es nicht. Ich bin jedoch überzeugt, dass es keine Lösung ist, der Politik des Terrors nachzugeben. Im Gegenteil. Das ist die schlechteste Reaktion auf diese totalitäre Erpressung. Jeder, der es schon einmal mit der Mafia zu tun hatte, weiß: sobald man das verlangte Geld bezahlt, erhöht sich der Preis immer weiter. Wenn wir bereit sind, einen Teil unserer Werte aufzugeben und auf die Erpresser einzugehen, und sei es nur auf einen Bruchteil ihrer Forderungen, geben wir den Terroristen und ihren Auftraggebern zu verstehen, dass sie auf dem richtigen Weg sind, dass ihre Ideologie sich auszahlt. Jeder hat das Recht, Angst vor Mördern zu haben. Aber niemand hat das Recht, sie, wie und warum auch immer, glauben zu machen, dass ihre Strategie aufgeht und dass sie recht haben, wenn sie töten."

Unter der Überschrift "70 Jahre Potsdamer Abkommen – An einem neuen Scheideweg?" widmete sich das M100 Sanssouci Colloquium den Tag über in einem Roundtable-Format der Frage nach den Auswirkungen der damaligen Beschlüsse und der aktuellen Situation in Europa. Eröffnet wurde das M100 Sanssouci Colloquium vom ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der in seiner Rede eine weltweite, umfassende "Agenda for World Peace" forderte, die insbesondere dringend zur Entwaffnung und Waffenkontrolle, dabei vor allem der Nuklearwaffen, beitragen solle. Und er formulierte eine Kernforderung an Diplomaten auf der ganzen Welt: "Bleibt immer im Gespräch – Never give up Dialogue". Aus gesundheitlichen Gründen konnte er kurzfristig nicht persönlich teilnehmen, er schickte seine Rede als Videobotschaft.

Die Konferenz gliederte sich sodann in drei Sessions, die jeweils unterschiedliche Aspekte des Leitthemas beleuchteten.

Session 1 betrachtete die Nachkriegsordnung. Fällt sie derzeit auseinander, ist sie noch zeitgemäß? Dr. Jamie Shea, Stellvertreter des Nato-Generalsekretärs für Sicherheitspolitik, der für diese Session eine inhaltliche Einführung gab, sprach vor allem die Situation in Russland und der Ukraine an. Frühere Annahmen über die Demokratisierung Russlands hätten sich als falsch erwiesen. "Russland entfernt sich vom Westen".

Session 2 erörterte die Frage nach der Wirksamkeit von Demokratie als Staatsform und als ein möglicher Schlüssel für eine funktionierende Weltordnung. Im Fokus stand hier die aktuelle Zustand der EU und der unterschiedliche Umgang der einzelnen Mitgliedsstaaten mit der Flüchtlingskrise. Dr. Ulrike Guérot, Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab, wurde in ihrem einleitenden Vortrag recht deutlich, was die Verteidigung des demokratischen europäischen Wertesystems angeht: "Die Demokratie, wie wir sie zu Zeit erleben, erfüllt nicht ihre versprochenen Funktionen. Es gibt diesbezüglich im Augenblick keine einheitliche EU." Und weiter: "Wenn wir unsere Wertekanon verteidigen wollen, können wir durchaus was an der Situation mit Ungarn ändern und etwa die EU-Förderung Ungarns stoppen." Auf die gesamte EU gemünzt formulierte sie: "Wir müssen das ganze System überarbeiten und es demokratischer und sozialer gestalten."

Schließlich brach Session 3 das Oberthema auf die Rolle und Verantwortlichkeiten der Medien herunter. Nenad Pejic, Chefredakteur Radio Free Europe / Radio Liberty betonte in seinem kurzen Vortrag, wie unverändert notwendig unabhängiger, professionell betriebener Journalismus sei, stellte aber auch die Frage, wie die veränderten Rahmenbedingungen die Funktion der Medien beeinflussen und ob sie noch in der Lage sind, die Verbindung zwischen Politik und ihren Lesern bzw. Zuschauern oder Hörern herzustellen und ihrer Aufklärungsfunktion nachzukommen. 

Prof. Dr. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz fasste am Ende die Konferenz noch einmal zusammen.

Zu den Teilnehmern des M100 Sanssouci Colloquiums und des M100 Media Awards zählten u.a. Nils Minkmar (Der Spiegel, Hamburg), Stephan-Andreas Casdorff (Der Tagesspiegel, Berlin), Ulrich Deppendorf (ehemaliger Leiter ARD Hauptstadtstudio, Berlin), Anna Diamantopoulou (DIKTIO – Network for Reform in Greece and Europe, Athen), Alexandra Föderl-Schmid (Der Standard, Wien), Kai Diekmann (Bild-Gruppe, Berlin), Sven Gösmann (dpa, Berlin), Dr. Ulrike Guérot  (European Democracy Lab, Berlin), Pavel Gusev (Moskowskij Komsomolez, Moskau), Hans-Jürgen Jakobs (Handelsblatt, Düsseldorf), Matthew Kaminski (Politico, Brüssel), Martin Kotthaus (Auswärtiges Amt), Anne McElvoy (The Economist, London), Merit Kopli (Postimees, Tallin), Richard Martyn-Hemphill (The Baltic Times, Lettland), Mathias Müller von Blumencron (FAZ, Frankfurt), Nenad Pejic (Radio Free Europe, Prag), Prof. Dr. Andreas Rödder (Johannes Gutenberg-Universität, Mainz), Dr. Jamie Shea (NATO, Brüssel), Dr. Uwe Vorkötter (Horizont Gruppe, Frankfurt) und Christopher Walker (National Endowment for Democracy, Washington).

Im Vorfeld des Colloquiums beschäftigten sich 25 ausgewählte Nachwuchsjournalisten aus ganz Europa im Rahmen des sechstägigen Programms M100 Young European Journalists mit dem Thema "Propaganda im Journalismus". Der Workshop beschäftigte sich in diesem Jahr mit der Situation für Medien und Journalisten in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien, Ukraine und Weißrussland, die sechs Ländern der sog. Östlichen Partnerschaft, mit denen die EU seit 2009 politische, wirtschaftliche und soziale Beziehungen führt, um politische Assoziation und wirtschaftliche Integration zu fördern. Die von den jungen Journalisten erarbeiteten Ergebnisse des Workshops wurden im Rahmen der Konferenz präsentiert.

Über M100 Sanssouci Colloquium
Das M100 Sanssouci Colloquium ist eine Veranstaltung der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins Potsdam Media International e.V.. M100 wurde 2005 von Jann Jakobs, Lord Weidenfeld und Moritz van Dülmen im Rahmen der Bewerbung Potsdams zur Kulturhauptstadt 2010 initiiert und findet 2015 zum elften Mal statt.

Gefördert wird die diesjährige Veranstaltung von der Stadt Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Auswärtigen Amt und der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Sponsoren: Deutsche Bank, Qwant, Nato und Samsung. Kooperationspartner: Alfred Herrhausen Gesellschaft, Allianz Kulturstiftung, Land Brandenburg, Reporter ohne Grenzen, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sowie VDZ. Medienpartner: AFP.

Der im Vorfeld stattfindende M100 Young European Journalists Workshop wird gefördert von der Stadt Potsdam, dem Auswärtigen Amt und dem National Endowment for Democracy. Sponsor: Google. Kooperationspartner: Medieninnovationszentrum Babelsberg, European YouthPress.
Weitere Informationen: www.m100potsdam.org

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